Erlebnis einer Mutter
Eine Mutter - selbst Erzieherin - berichtet hier ueber Ihre Erlebnisse, Sorgen und Wuensche

Hallo Helma,
Meine beiden Maedechen, j. und a. sind jetzt in der 9. klasse - 16 jahre (j.) und in der 6. klasse - 12 jahre (a.). Beide waren schon im Sprachheilkindergarten. Mit diesem haben wir gute Erfahrungen gemacht. Wir waren begeistert. Leider wurde der Kindergarten geschlossen und die Kinder wurden in andere Kitas integriert. Das ist sehr schade.
Nach dem Kindergarten wurden beide in die Sprachheilschule eingeschult.
Meine grosse Tochter besuchte eine Dehnklasse ( 1. und 2. klasse in 3 Schuljahren). Sie ist ein schwerer Stotterer. Sie nahm keine ihr angebotenen Hilfen an. Der Tagesablauf musste ruhig gestaltet werden. Obwohl nur wenig Kinder in der Klasse waren (etwa 10), hatte sie grosse Schwierigkeiten beim lernen. In der 4. Klasse fuhr sie fuer 12 Wochen zu einer Stottertherapiekur. Dort gab man sich sehr viel Muehe. Es wurde nicht nur die Sprache behandelt sondern auch andere Symptome.
Meine Tochter war Nachts Bettnaesser. Jede Nacht musste sie gewickelt werden. Wir rannten von einem Arzt zum anderen. Auch Psychologen wurden zu rate gezogen. Die Tips waren von Klingelhosen, abends nichts mehr zu trinken geben, auf Toilette setzen bis hin zum nassen Seiflappen und anderen gutgemeinten Tipps von Aerzten, Psychologen, Lehrern, Omas und Opas.
Nichts half. In der Familie wurden alle Mitglieder sauer auf alle - auch auf das Kind und auf sich selbst, enttaeuscht - weil uns keiner helfen konnte. Waehrend der Kur wurde j. medikamentoes behandelt. Die Zeit nach der Kur wurde die Sprache und auch das Bettnaessen besser. Doch schon bald liess der Erfolg der Kur in Bezug auf die Sprache nach. Das Bettnaessen haben wir in den Griff bekommen. Heute ist sie trocken.
Nach der Kur besucht j. noch eine Einzelspieltherapie. Mit der Sprache kaempfen wir immer noch. Waehrend der 4. Klasse beschloss die Schule j. dem Foerderausschussverfahren vorzustellen. Es ist schwer fuer eine Mutti sich damit abzufinden. Mein Mann ueberliess mir alle Entscheidungen die die Kinder betrafen. Ich stimmte also zu, dass j. ab der 5. Klasse eine allgemeine Foerderschule mit Lernbehinderung besucht. Erst war ich etwas skeptisch, auch wegen j. stottern. In der 8. Klasse fuhr sie zur Erholungskur fuer 4 Wochen. Die tat ihr gut.
Leider bin ich von der Psychologin enttaeuscht gewesen. Anstatt uns Hinweise zu geben fragte sie nur wie es weiter gehen soll. Kein Hinweis, ob unser vorgehen in die richtige Richtung geht oder ob wir etwas anders machen sollen. Irgendwie fuehlten wir uns alleingelassen.Jetzt geht j. in die 9. Klasse, hat die Moeglichkeit den einfachen Hauptschulabschluss zu machen. Es gibt zwar Hoehen und Tiefen, aber mit der Zeit haben wir gelernt diese zu meistern. Von der Schule erhalten wir Hilfe im Rahmen des moeglichen. Von Psychologen bin ich enttaeuscht. Schon beim Einnaessen konnten sie uns nicht helfen und beim Abschlussgespraech bei der Kur - kam gar nichts.
Mit a. gab es weniger Probleme. Sie spricht agrammatisch falsch und hat eine Dyslalie. Sie besuchte die Sprachheilschule bis zur 4. Klasse. Danach wurde sie dem Foerderausschussverfahren vorgestellt und in die Lernbehindertenschule umgeschult. Bei ihr verstand ich es lange Zeit nicht, dass sie jetzt auch noch in die Foerderschule soll. Vor allem konnte ich das an den Zensuren nicht erkennen. Heute, 2 Jahre spaeter finde ich meine damalige Entscheidung richtig. Auch wenn sie mir sehr sehr schwer gefallen ist.
a. geht an die gleiche Schule wie j., beide Maedchen sind gute bis sehr gute Schuelerinnen.

Ich wuensche mir nichts sehnlicher, als dass meine Maedchen ihren Weg in unserer Gesellschaft finden und dass ihnen von den Behoerden keine Steine in den Weg gelegt werden. Und wenn doch, dass sie es schaffen die Probleme zu meistern.
Die letzten Zeilen fielen mir unheimlich schwer zu schreiben, da ich weiss wie hart das Leben ist.
Ich bin Erzieherin in einem Hort fuer sprach-, hoer-, lern- und geistig behinderte Kinder. Ich weiss, dass es Menschen mit Behinderung nicht einfach haben - schon gar nicht wenn man die Behinderung nicht sehen kann.
Mein Dank richtet sich an Aerzte, Psychologen, Lehrer, Erzieher und alle anderen, die sich den Problemen von Menschen mit Behinderung und deren Angehoerigen annehmen und ihnen helfen.
Dank auch an dich Helma, dass du solch eine Seite aufgebaut hast.
Tabata
Alle Berichte sind als 'Hilfe zur Selbsthilfe' gedacht.
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Bericht vom: 31.03.2002 von Helma Jung